Mein Leben mit Brustkrebs

Mag. Christine Hochgerner

Mag. Christine Hochgerner, Heilmasseurin in einem Krankenhaus, Mutter eines 23 jährigen Sohnes.

Im Sommer 1994 wurde mir ein bösartiger Tumor aus der rechten Brust entfernt. Bereits während der Chemotherapie stand fest: Ich brauche Ablenkung, eine neue Aufgabe, um nicht verrückt zu werden. So begann ich eher zufällig mit einer Ausbildung als Gedächtnistrainerin.

Nach dem einjährigen Lehrgang und längst fertig mit der Chemotherapie wollte mein Kopf weiter gefordert werden. Ich legte neben meiner Arbeit die Studienberechtigungsprüfung ab und studierte Pädagogik/Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Diesen Sommer hatte ich meine Sponsion,­ also ziemlich genau 8 Jahre nach dieser schicksalhaften Wende in meinem Leben.

Ja, mein Leben hat sich gewendet: Manchmal habe ich immer noch Angst und jede Untersuchung lässt meinen Puls schneller werden. Doch mein Leben ist seither um so vieles bunter, frischer und lebendiger geworden, so dass ich keinen Tag der letzten 8 Jahre missen möchte.

 
Protokoll eines (Lebens) - Abschnittes
(ca. eine Woche nach der Operation geschrieben):

Langsam kehrt die Erinnerung wieder. Ich bin im Aufwachraum, die Operation muss vorbei sein. Ich spüre Schmerzen in der rechten Brust und im rechten Arm.
Ein Blick bestätigt meine Vermutung - der Verband zieht sich bis unter die Achselhöhle.
Eine Schwester beugt sich über mich. Auf meine Frage kommt ein beruhigendes: "Wir mussten ein bisschen mehr wegnehmen."
Der beschützende Schlaf holt mich wieder.
Beim nächsten Aufwachen glaube ich an einen bösen Traum, ich vergewissere mich noch einmal.
Im dritten Anlauf begreife ich es wirklich: Es wurden nicht nur meine beiden Knoten in der Brust entfernt, sondern auch die dazugehörigen Lymphknoten. Die Diagnose heißt Krebs.

Meine Brust schmerzt, mein Arm schmerzt, die Tränen kommen. Ich fühle mich ohnmächtig, nackt und ausgeliefert in diesem klinisch sterilen Aufwachraum, wo eine Schwester mich zu beruhigen versucht. Bereits seit drei Jahren war ich mit einem Knoten in meiner Brust (welcher bei der Operation als gutartiges Fibroadenom diagnostiziert wurde) in Beobachtung.
Trotzdem hatte es mich vorerst nicht sonderlich beunruhigt, als ich vor zwei Monaten einen zweiten Knoten tastete. Ich war drei Monate zuvor bei einer Mammografieuntersuchung gewesen - dabei wurde keine Veränderung festgestellt.
Auf dem Weg zur Ultraschalluntersuchung wurde es mir klar: Diesmal komme ich um eine Operation nicht herum. Doppelte Ungewissheit ist einfach zuviel.
Was verbirgt sich in diesen Knoten?
Habe ich meine Sehnsüchte, meine Hoffnungen, meine Ängste eingekapselt?

Verborgen in meiner Brust brauche ich meinen Gefühlen nicht Rede und Antwort stehen. Das Ergebnis der Ultraschalluntersuchung befriedigt mich nicht. Ich brauche mehr Klarheit, bevor ich bereit bin, einen Chirurgen über meinen Körper verfügen zu lassen.
Immer wieder taste ich meine Knoten, besonders den neu hinzugekommenen. Manchmal finde ich ihn klein und harmlos, beruhige mich selber: Ich bin sportlich, energiegeladen und gesund und liebe dieses Leben. Warum sollte ausgerechnet ich....  Aber immer öfter empfinde ich ihn als Eindringling. Ein bedrohendes Etwas, welches mit unerschütterlicher Sicherheit auf seinem Platz hockt. Lauernd wartet es auf seine Beute, ich habe Angst.

Die Magnetresonanzuntersuchung bringt die bis jetzt nicht akzeptierte Gewissheit. Mein Etwas könnte ein Explosionsherd sein. Nun bin ich bereit, es führt kein Weg an einer Operation vorbei.
Die Tage davor sind zum Glück sehr hektisch.
Aber in stillen Momenten kriecht es empor: Was ist wenn ...
Gehe ich scheinbar gesund ins Krankenhaus und trete eine Lawine los?

Ich habe sie losgetreten.
Falle, falle in ein tiefes Loch.
Vorsichtig werde ich ausgeschaufelt vom, mir auch in weiterer Folge, hilfreich zur Seite stehenden Professor, der mir die Schadensbegrenzung in medizinisch kompetenter Art erklärt; dem Exmann, der als echter Lebensfreund ständig zur Seite steht; den lieben Schwestern und all den vielen Freundinnen und Freunden, die einen Kreis der emotionalen Sicherheit um mich schließen.
Die Tage nach der Operation bewege ich mich wie in Trance. Ich lache, scherze, empfange Besuch und genieße die Geborgenheit der täglichen Krankenhausroutine. Viele Untersuchungen werden gemacht, die mich aufatmen lassen. Abends jedoch, wenn es ruhiger wird, schleichen sich diese unheimlichen, lebensbedrohenden Gedanken ein. Ich will nicht, kann nicht daran denken, es tut so weh - wo ist meine Schlaftablette?

Nach sechs Tagen werde ich entlassen. Ausgespuckt aus diesem mächtigen Apparat, dessen Organisation ich zu schätzen gelernt habe. Hilflos stehe ich in meiner Wohnung, eine knappe Woche ist vergangen, aber Welten liegen dazwischen.
Eine Woche zuvor war ich mit einer Freundin bei meinem Lieblingsitaliener Abendessen. Uns gegenüber saß ein attraktiver Mann, dessen Blicke ich gern erwiderte. Es war ein schöner Flirt und ich nahm diese non-verbale Kommunikation gerne als Erinnerung ins Krankenhaus mit. Werde ich jemals wieder so unbeschwert sein können oder das Damoklesschwert ständig über mir spüren?
Langsam lösen sich die Tränen und während der nächsten Tage hole ich alle ungeweinten Tränen der letzten Jahre nach. Jede Umarmung löst gleich noch ein paar, aber es tut gut. Ich fühle mich schwach und verletzbar und sauge die Hilfe und Zuneigung meiner Umwelt in mich ein. Auch mein pubertierender Sohn umhüllt mich mit seiner Fürsorge und versucht jede Auseinandersetzung von mir fern zuhalten.
Und ich kann es immer besser genießen, keine Leistung bringen zu müssen, nicht funktionieren zu müssen, überhaupt nichts zu müssen.
Ich bin das Maß aller Dinge. Sekundärer Krankheitsgewinn nennt es die Psychologie.
Inzwischen habe ich gelernt meinen Zustand in Kurzform zu erklären. Ich hatte ein Karzinom in der Brust, die Lymphknoten sind frei, damit ist die Prognose sehr gut. Bei Frauen löse ich damit oft eine ganz tiefe Betroffenheit aus. Manchmal spüre ich fast eine unausgesprochene Aufforderung: "Könntest du nicht meine Brust abtasten, du weißt doch wie sich so etwas anfühlt?"
Männer gehen damit schon sachlicher um. Ein guter Freund fragt sofort, wie dies optisch aussähe. Dank der Quadrantenresektion werden die seelischen Narben wohl länger schmerzen als die tatsächlich sichtbaren.

Ich bin immer noch sehr empfindlich. Meine Mutter bringt mir die Grüße eines Onkels - von dem ich seit Jahren nichts gehört habe - mit den Worten: "Alle nehmen sie Anteil an deinem Schicksal". Ich ringe nach Luft - Bilder entstehen, höre wie sie flüstern, spüre ihre versteckten Blicke, in tiefer Anteilnahme, vom Schicksal gezeichnet.
Meine Eltern verstehen meine Wut nicht. Ich will Familie und Freunde um mich haben, nicht Menschen die sich nähern, weil ich ein Karzinom hatte. Mir graut davor, Zentrum des Mitleids entfernter Verwandter und Bekannter zu sein.
Ganz langsam spüre ich meine alte Spannkraft wieder. Spaziergänge werden ausgedehnt und die Lust auf körperliche und geistige Betätigung steigt. Und es entstehen bereits wieder Pläne für danach - für die Zeit nach der Strahlentherapie, welche gerade erst begonnen hat. In dieser Zeit werde ich auch meinen Geburtstag feiern, den symbolträchtigen 40sten: Abschied von der Jugend, Bilanz der Lebensmitte und vieles mehr. Mein 40ster ist eingebettet in die existenzielle Erfahrung der erstaunlich lebhaften Gewissheit, dass Gesundheit und Krankheit unerwartet eng verbunden sind.

In einigen Wochen werde ich endgültig aus den mächtigen Armen der technisch hochgerüsteten Medizin entlassen werden und mich wieder in den Trubel des Alltags stürzen. Nein, ich will mich nicht hineinstürzen und fortreißen lassen.
Ich möchte das Tor öffnen und sagen: Ich habe ein Stück Leben erfahren, es war leidvoll und traurig, hilfreich und lösend zugleich.
Die Balance meines 40jährigen Daseins mit all seinen Höhenflügen und Brüchen ist aus den Fugen geraten. Ich bin dabei mich neu zu ordnen.
Nach meinen Befunden bin ich gesund.
Gesund - aber nicht geheilt. Nur, wer ist das schon?

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