Mein Leben mit Lungenkrebs

Axel Blaskovich - Kurzbiographie:

Der Verfasser ungarisch/deutscher Abstammung wurde 1939 in Berlin geboren und verbrachte die ersten Kinderjahre in Ungarn.
Die Kriegsereignisse machten 1944 eine Übersiedelung nach Wien notwendig. Danach erfolgte der übliche Werdegang wie Schulbesuch, Bundesheer und der Einstieg in das Berufsleben.
1968 bot sich die Möglichkeit in einem großen Versicherungkonzern in Deutschland die Berufskenntnisse zu erweitern. Dies wurde wahrgenommen aber stets mit der Absicht, einmal im Alter wieder zurückzukehren.
Um dies zu ermöglichen, zog Herr Blaskovich im Dezember 1992 zunächst in Grenznähe nach Vorarlberg und erkrankte in den darauf folgenden Wochen an Lungenkrebs.
Nach überstandener Therapie und nachdem 5 Jahre lang alle Kontrolluntersuchungen negative Ergebnisse brachten, konnten die ursprünglichen Pläne doch noch verwirklicht werden. Seit dem Sommer 2001 lebt der Verfasser mit seiner Ehefrau wieder in Wien.
 

Vorgeschichte

Um bei der Wahrheit zu bleiben, möchte ich ergänzen, dass die Erkrankung zum Teil auf eigenes Verschulden zurückzuführen ist. Der starke Zigarettenkonsum, der tägliche Stress im Beruf, die jahrelange Überarbeitung und Privates hatten meines Erachtens den Ausbruch ausgelöst.

  • Mitte Dezember 1992 Umzug (Zigarettenkonsum 40 Stück pro Tag),
  • im Resturlaub Anfang Januar 1993 plötzlich stark auftretender Husten,
  • Zigaretten schmecken nicht, Reduzierung 6, 4, 3 pro Tag,
  • Beginn des chronischen Hustens, Zigarettenkonsum ab jetzt Null,
  • da keine Besserung nach ca. einer Woche Aufsuchen des Hausarztes
  • aufgrund des schlechten Allgemeinzustandes zunächst Verdacht auf Infarkt,
  • negativ - danach sofortiger Transport ins Krankenhaus, zuvor Diskussion ob Rettung, Straßenbahn oder Taxi: auf Taxi geeinigt,
  • dort EKG/Röntgen - Thorax durchgeführt.

Zum Ergebnis:
Keine konkrete Aussage getroffen, eher allgemein gehalten.
Eile ist geboten, stationäre Aufnahme in einer Spezialklinik notwendig. Dieses Krankenhaus dafür nicht geeignet. Befund wird telefonisch vorweg dem Hausarzt mitgeteilt. Soll gleich zu ihm fahren und den schriftlichen Befund mitnehmen. Nichts dabei gedacht und mit der Straßenbahn zurückgefahren.

Hausarzt: Wurde Ihnen mitgeteilt, was Sie haben?
Antwort: Nein.
Hausarzt: Soll ich Ihnen das in angenehmer oder in harter Form sagen?
Antwort: In harter Form.
Hausarzt: .... Sie haben Krebs ....
Frage: Wie lange noch zu leben?
Hausarzt: Ca. 6 Monate.

Die damalige Reaktion des Hausarztes zeigt mir im nachhinein seine Hilflosigkeit bzw. Überforderung in diesem Moment. Mir geht es hier nicht um die Tatsache Krebs, sondern um die Art des stattgefundenen Wortspiels. Dieses war zwar von mir so herausgefordert worden, jedoch wäre ein kollegiales oder freundschaftliches Verhalten sicherlich hilfreicher gewesen.

Als Verabschiedung bei meinem letzten Kontakt mit ihm wünschte er mir für die nächsten fünf Jahre weiterhin Glück. Vielleicht war mein Besuch zu überraschend, möglicherweise hatte ich zuviel erwartet. Auch hier hätte er sich lockerer geben können, noch dazu wo wir uns doch jahrelang gekannt hatten. Wir werden uns das beide künftig nicht mehr antun.

Eigene Reaktion:
Eigentlich schwer zu beschreiben. Gesichtszüge waren plötzlich angespannt. Ein Gefühl der Leere, des „Ausgebranntseins“, der Hoffnungslosigkeit, .... jetzt ist alles aus ....

  • vom Hausarzt verabschiedet.
  • Besuch der Stammkneipe, mich in eine Ecke gesetzt und Wein getrunken; dabei überlegt wie und in welcher Form ich es meiner Frau sagen (schonend beibringen) soll.
  • Kam zu keinem Ergebnis, von den Bekannten verabschiedet und gegangen.
  • Vom Zweitwohnsitz aus in einer Telefonzelle am Abend zuhause angerufen, meine Frau gebeten, früher zu kommen und sich beim Fahren Zeit zu lassen. Wollte vermeiden, dass während der Fahrt noch ein Unfall passiert.
  • Am Wochenende alles mit meiner Ehefrau durchgesprochen. Auch für sie war es ein großer Schock. Dennoch versuchte sie, mir Mut zu machen z.B. erst die Untersuchungen im Krankenhaus abzuwarten. Stundenweise geschlafen, da montags die Vorstellung in der Ambulanz in Heidelberg bevorstand.

Im Krankenhaus (auf der Durchreise - wohin?)

Auf der Station: Ganz andere Eindrücke bekommt man auf einer Krankenstation. Der tägliche Wirbel in einer Ambulanz fällt komplett weg. Hier wird man zunächst mit der Ruhe und dem Warten konfrontiert. Zunächst fiel es mir schwer, auf Abruf sein zu müssen. Bisher hatte ich in der Hektik und Anspannung in einem anderen Rhythmus gelebt.

Die ersten Tage sind schlimm. Man kennt nichts: keine Ärzte, keine Schwestern bzw. Pfleger, keinen Ablauf. Hat keine Kontakte, wie soll man sich verhalten, keine Informationen auf die eigenen Fragen. Sieht die anderen Patienten in den verschiedensten Stadien der Erkrankung. Alles ist einem fremd. Man ist froh, wenn man die eigene Station gefunden hat.

Zunächst muss man lernen zu warten. Alles geht sehr langsam und nur auf Abruf.
Mein Umgang damit:

  • Versuchte Kontakte zu anderen Patienten aufzubauen und fragte jeden.
  • Hörte vieles und verschiedenes zum gleichen Thema - auch viel Negatives: z.B. einmal Heidelberg - immer Heidelberg; keine Chancen auf Heilung; viele sind schon gestorben, man kommt nicht lebend heraus usw. Macht einen verrückt, die Angst wird größer und man sondert sich ab.
  • Nach ca. 3 Tagen hat man sich eingewöhnt. Kennt den Krankenhaus-Rhythmus, Ärzte, Schwestern und Mitpatienten.
  • Erkennt langsam, welche Pfleger aufgeschlossen sind, welche Patienten vernünftige Ansichten haben.
  • Es interessiert einen nur die Gegenwart, nicht die Zukunft.
  • Vor der ersten Chemotherapie (Zyklus) hat jeder Besorgnis, Zweifel, Angst.
  • Stärke der Auswirkungen sind bei jedem verschieden. Bei mir: Kein Hungergefühl, jedoch Erbrechen, Haarausfall, geistig unterschiedlich abwesend.
  • Sobald man sich auskennt, kann man auch sich selbst einiges erleichtern. Natürlich in Absprache mit den Pflegern, die man damit unterstützt. Die haben genug Arbeit.

z.B.:

  1. Man kann sich um den richtigen Flaschenständer kümmern (ob die Säule sich leicht verstellen lässt; durch Höherstellen kann man den Durchfluss verbessern).
  2. So ruhig wie möglich im Bett liegen. Durch die Bewegungen des Körpers kann sich die Braunülle in der Vene verschieben. Dann kann der Durchfluss stocken. Eine Infusion erfolgt tropfenweise und unterschiedlich lang (je nach Dosis zwischen 6 - 8 Stunden oder auch länger).
  3. Von Zeit zu Zeit auf den Beutel sehen, ob es von dort in den Pilz tropft; wenn nicht: nach dem Pfleger läuten.
  4. Wenn die Braunülle in der Vene schmerzt oder der Arm an dieser Stelle rot wird, unbedingt dem Pfleger melden. Wichtig - der Arzt muss erneut an einer anderen Stelle die Braunülle setzen! Ansonsten können unabsehbare Folgen eintreten.
  5. Wenn man Ärzte oder Pfleger sprechen möchte, am besten wenn es ruhiger auf der Station geworden ist, z.B. am Nachmittag. Nicht jeden Tag und wegen jeder Kleinigkeit fragen - gibt nur Ärger. Wenn man den Arzt sprechen möchte, ist es hilfreich, wenn man sich schriftlich vorbereitet. Alle Fragen kann man vorher formulieren. Im Gespräch vergisst man in dieser Zeit sowieso vieles.
  6. In der Gemeinschaft im Krankenhaus lernt man einiges. Man hilft sich gegenseitig so gut man kann. Erkennt, dass man nicht im Vordergrund steht. Alle haben die gleiche Haupterkrankung. Man tritt zurück, wenn es anderen schlechter geht.

Sonstiges:

  • Während der Infusion dämmert oder träumt man vor sich hin.
  • Wenn man alleine im Zimmer liegt, kann die Zeit langsam oder auch rasch vergehen.
  • Freut sich, wenn man abgehängt wird, denn danach kann man aufstehen.
  • Bedingt durch die Medikamente unterliegt man starken Stimmungsschwankungen (Lachen wegen Kleinigkeiten, Weinen wegen nichts); man hat keine Kontrolle über sich selbst.
  • Denkt über Sinn oder Unsinn der Therapie und den Tod nach.
  • In manchen Momenten hilft man sich durch Selbstsuggestion, z.B. die Therapie wird anschlagen.
  • Hat einen sehr stark entwickelten Geruchssinn.
  • Friert sehr leicht - besonders am Kopf, Wollmütze tragen auch im Sommer.
  • Durch die Chemotherapie werden die Venen sehr stark beansprucht. Eine Braunülle kann ca. 1 - 5 Tage halten und muss jedes mal neu gesetzt werden. Als Ersatz ist auch ein zentraler Venenkatheter (zVK) möglich. Am verträglichsten für die Venen wäre meines Erachtens, sich einen sog. Port-a-cath legen zu lassen. Dieser kann praktisch zeitlich unbegrenzt angewendet werden und hat daher seine Vorteile. Sprechen Sie ohne Hemmung vor Beginn der Behandlung Ihren Arzt auch auf diese Möglichkeit an.

Jeder ist sowohl als Mensch als auch in seiner beruflichen Qualifikation verschieden. Sehr gut, weniger gut, nicht so gut. Leider gibt es noch immer welche, die den Zeiten von Sauerbruch oder dem Status weißer Götter nachtrauern. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich vieles verändert und künftig wird sich auch noch manches ändern. Es sollte keinen Arzt mehr auf dem Podest geben. Es sollte auch keinen unmündigen Patienten mehr geben, der vor Ehrfurcht erstarrt; wohl aber die gegenseitige Anerkennung und der dazugehörige Respekt voreinander. Man kommt nur durch vernünftige und offene Gespräche zum gewünschten oder erhofften Erfolg. Wenn man Vertrauen oder Akzeptanz gewonnen hat, sollte man es auch zum Ausdruck bringen.

In den ersten Wochen ging es mir wirklich sehr schlecht. Geistig war ich so gut wie nie da, selten wache Momente, ich war sehr schwach und müde. Später erzählte man mir, dass ich öfters packen und abhauen wollte. Meistens war auf dem Gang, einmal im Keller Endstation. Von all den Sachen habe ich nichts gewusst. An einzelne Momente kann ich mich erinnern z. B. wurde ich einmal von einem Dreierzimmer in ein Einzelzimmer verlegt. Eine solche Verlegung wird nur in kritischen Situationen vorgenommen.

Oder ich wachte plötzlich auf und fand mich schleppend und müde auf dem Gang zur Toilette wieder. Oder im Rollstuhl, wo ich zum Röntgen geschoben wurde, da spürte ich den Gegenwind.
Nach getroffenen Maßnahmen ging es mir besser. Da ergaben sich auch die Kontakte mit den anderen wieder. Man erzählte einander wie es einem ergangen war, baute sich gegenseitig auf, half sich bei Kleinigkeiten.
 

Radiologische Klinik
In der Radiologie einer Universitätsklinik sind die räumlichen Größenordnungen beeindruckend. In zwei bis drei Etagen unter der Erde sind die Bestrahlungsräume untergebracht.

In den Wartebereichen konnte ich gut beobachten. Einige waren ungeduldig, manche nervös, die meisten jedoch warteten geduldig. Es gab auch Angehörige, die gleich bei Prof. Dr. Dr. X vorsprechen wollten. Ein solches Verhalten ist menschlich zwar verständlich, jedoch - im nachhinein betrachtet - unlogisch. Denn ein Chefarzt wird nur in schwierigen Situationen eingreifen und hat bei unterschiedlichen Ansichten seiner Ärzte die Entscheidung zu treffen bzw. zu verantworten. Diese werden übrigens in einem Protokoll festgehalten. Wichtiger jedoch ist sein ihm unterstelltes Ärzteteam. Denn die haben sich mit den täglichen Problemen zu befassen und auch zu lösen. Ein Top-Arzt einer Klinik sorgt schon im eigenen Interesse dafür, dass er ein gutes Team an Stationsärzten zur Verfügung hat.

In den Bestrahlungsräumen ist es ganz ruhig, dies wirkt aber nicht störend. Ich habe dort die Patienten bewundert, die im Bett zur Bestrahlung hereingeschoben wurden. Da dachte ich mir, die noch laufen können, denen geht es noch relativ gut. Die schon öfters in Broschüren zitierte mögliche Klaustrophobie halte ich nicht für angebracht. Erstens hat der Behandlungsraum große Dimensionen, daher also viel Platz. Zweitens erfolgt die Überwachung mittels Bildschirm. Weiters wird man durch Radiomusik abgelenkt. Nicht zu vergessen die kurze Bestrahlungsdauer. Mit einer ev. noch vorhandenen Restangst muss jeder selbst fertig werden. Wir dürfen nicht vergessen, gesund wollen wir werden und alles hat seinen Preis.
 

Nachwort
Zum Schluss möchte ich auf einige Fragen eingehen, die an mich gestellt wurden: "Was war für mich in dieser Zeit hilfreich und unterstützend?"

  • Hilfreich und unterstützend war in dieser Zeit das freundliche Verhalten der MitarbeiterInnen in der Klinik. Manche Kontakte zu Mitpatienten waren aufgrund der unterschiedlichen Interessen kompliziert. Die Möglichkeit der unbegrenzten täglichen Anwesenheit der Ehefrau war hilfreich.
  • Unterstützende Reaktionen aus der Umgebung waren vor allem das unkomplizierte und teilweise fast kumpelhafte Verhalten der Stationsärzte. Dadurch ergab sich eine sofortige Vertrauensbasis. In der Onkologie zählen nur Vertrauen, Offenheit und Mut zur Wahrheit. Sofern man selbst auch dazu bereit ist, kann man sich auch besser auf die Gegebenheiten einstellen.
  • Der zwanglose Kontakt zu Schwestern und Pflegern (wenn diese Zeit hatten) ermöglichte Gespräche. Man fühlte sich nicht allein, man war eine eingeschworene Gemeinschaft, die Sicherheit vermittelte.
  • Weiters standen einem der Psychologe und der Sozialdienst (für sozialrechtliche Fragen wie z.B. Informationen über Behindertenausweis, Pflegegeld usw.) der Klinik zur Verfügung.
  • Unter den Mitbetroffenen bilden sich je nach Interesse Gruppen. Hier wurde nicht nur über die Krankheiten gesprochen, es konnte auch lustig sein. Es ergaben sich auch manchmal komische Situationen. Jeder Patient entwickelt so seinen eigenen Galgenhumor.

Ausklang
Mit dem Wort "Gefühl" habe ich mir immer schon schwer getan. Zunächst glaubte ich nichts mehr schreiben zu können. Umso erstaunter war ich selbst wie viel von alledem noch nach fünf Jahren in mir geschlummert hat. Während ich diese Zeilen geschrieben habe, wurde ich wieder zu einem Bestandteil der Station IV der Onkologie.

Für mich war es ein Ort, wo ich mich sicher und vertraut gefühlt hatte. Wir lebten nur für den Moment, daher haben wir auch alles intensiver wahrgenommen. Ich habe erneut die Höhen und Tiefen durchgemacht. Es war eine Belastung, vielleicht auch die Möglichkeit, Ereignisse aufzuarbeiten.

Zwangsläufig denke ich an den Jahrgang 93 - an die damalige Crew - von denen sehr wenige übrig geblieben sind. Sie haben die Leiden, Schmerzen, Angst und Zweifel hinter sich gelassen und mit dem Tod die Krankheit besiegt. Erst recht wir, die übrig geblieben sind. Doch was mag uns noch bevorstehen?

Wenn es mir gelungen ist, vorhandene Ängste, Befürchtungen oder Zweifel abzubauen, wäre damit mein mir gestecktes Ziel erreicht.

Den Betroffenen wünsche ich Glück und Erfolg bei der Bewältigung der anstehenden Probleme.

 

 

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