Die Sonne, die auf den Regen folgt

Ich und mein Krebs

Ilse S., Brustkrebs

Ilse S. ist 45 Jahre alt. Sie kommt ursprünglich aus Salzburg und lebt seit ihrem 20 Lebensjahr in Wien. Als ausgebildete Touristikkauffrau arbeitet sie an der Rezeption eines wunderschönen Hotels in Wien. Sie lebt seit vielen Jahren in Partnerschaft und ist seit kurzem verheiratet.

Wann und wie sind/waren Sie an Krebs erkrankt?

Mit 31 Jahren bekam ich im April 2008 nach einer Odyssee von Untersuchungen die Diagnose „Brustkrebs“. Die Begriffe „DCIU“ und „in situ“ sind mir in Erinnerung. Man erklärte es mir so: die Krebszellen sind präsent, haben aber noch nicht gestreut.

Wie kam es zur Diagnose?

Beim Duschen habe ich einen erbsengroßen Knoten in meiner Brust ertastet. Natürlich bin ich erschrocken und sofort zum Frauenarzt gelaufen, der mich zunächst beruhigte und mich zur Mammographie schickte. Er sagte mir: „Alles in Ordnung“. Meine Mutter bestand aber damals darauf, dass es nichts Gutes sein kann, wenn etwas im Körper wächst und ermutigte mich zu weiteren Untersuchungen. Nach Mammographien, MRTs und Blutuntersuchungen landete ich in der Brustambulanz zur Befundbesprechung. Wo ich vorher immer stundenlang warten musste, kam ich diesmal innerhalb von wenigen Minuten dran: So wusste ich gleich, dass etwas nicht stimmt.

Wie haben Sie die Zeit während der Diagnose und auch danach erlebt?

Die Ärzte sagten mir sinngemäß: „Frau S., wir haben Ergebnisse: Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass Sie Brustkrebs haben. Die Zellen sind da, streuen aber noch nicht. Sie haben zwei Möglichkeiten: entweder Chemotherapie oder Ablatio und Rekonstruktion und mehrere Jahre Medikamenteneinnahme. Im Nachhinein habe ich die Situation von damals rekonstruiert. Weil ab den Worten „Wir müssen Ihnen leider mitteilen“ verschwamm alles vor mir und ich begann alles wie durch Watte wahrzunehmen. Ich ging auf Skype und erzählte alles meiner Mutter. Sie war damals nicht in Österreich. Ich muss so benommen und durch den Wind gewesen sein, weil innerhalb kürzester Zeit war sie bei mir in Wien, ohne dass ich darum gebeten hatte.“

Wie ging es weiter?

Ich entschied mich für eine OP. Leider wurde ich während der OP am Kopf verletzt, so dass ich einen kreisrunden Haarausfall hatte. Die kahle Stelle behielt ich drei Jahre lang. Der Krebs rückte in dieser Zeit in den Hintergrund: die Brust konnte ich durch Kleidung bedecken, die kahle Stelle am Kopf jedoch konnte ich nicht verstecken: Die mitleidigen Blicke waren für mich sehr schwierig zu ertragen.

Ich hatte zwei Operationen: in der ersten OP hatte man mir bestmöglich die Krebszellen entfernt. In der zweiten OP wurden mir beide Brüste abgenommen und mit meinem Bauchlappen rekonstruiert. Anschließend habe ich 5 Jahre lang Medikamente genommen: täglich Nolvadex, monatlich Zoladex und halbjährlich Infusionen von Zometa. Ich wurde mit diesen Medikamenten künstlich in den Wechsel versetzt. Ich bekam zudem extremste Schlafprobleme d.h. konnte oft nur 2 bis 4 Stunden pro Nacht schlafen. Aber irgendwann bin ich doch eingeschlafen und wachte wieder um 8 oder 9 Uhr auf….

Wie geht es Ihnen heute?

Wie es mir geht? …. Ich gelte als offiziell geheilt!

Das ist schön, dass Sie das so sagen können. Rückblickend: Was hat Ihnen durch die schwierigste Zeit geholfen?

Meine Mutter – sie hat zwei Monate bei mir in Wien gelebt! Die Hilfe meiner Mutter hat sogar die Ärzte im AKH beeindruckt: 2 Mal täglich kam sie mit frisch zubereiteten Speisen ins Krankenhaus: gedünstetes Gemüse, Fisch und Hühnerfleisch – und frisch gepressten Smoothies mit Beeren. Zehn Tage nach der schwierigen OP konnte ich das Bett verlassen können. Mehr Hilfe geht nicht.

Ohne meine Mutter hätte ich die Zeit damals nie so gut überstehen können! Da sie in Salzburg lebt, sehen wir uns jetzt alle 2-3 Monate. Aber wir telefonieren in der Woche mindestens zweimal.

Neben meiner Mutter war es ganz wichtig, Unterstützung auch außerhalb der Familie in Anspruch zu nehmen. Geholfen hat mir da vor allem die Krebshilfe Wien: Die dortige Psychoonkologin hat mich von Anfang an intensiv begleitet. Nach dieser Zeit der Unterstützung sagte sie mir, ich könne mich jederzeit bei ihr melden, „wenn der Hut brennt“. Das hat mir so geholfen, das zu wissen.

Es ist bestimmt wichtig Hilfe zu bekommen, aber auch sie anzunehmen. Glauben Sie, dass Sie sich als Mensch durch die Krankheit verändert haben? 

Oh ja, ich lebe seit der Krankheit viel intensiver als vorher. Ich achte mehr auf meine Umgebung. Und ich genieße den Moment wie er kommt: Scheint die Sonne, genieße ich die Sonnenstrahlen – und regnet es, nehme ich meinen Schirm mit und freue mich einfach darüber. Außerdem gönne ich mir kleine Rituale wie Kaffee und Kuchen zwei Mal im Monat. Das Leben ist zu kurz, um nicht mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Kochen und essen messe ich jetzt eine noch größere Bedeutung zu. Vor der Krebserkrankung verwendete ich viel Convenience-Produkte. Heute verwende ich maximal das Suppenpulver vom Bio-Laden und koche frisch. Wenn ich mal nicht kochen möchte, gehen wir schon zu unserem Lieblingswirtshaus. Ich achte sehr auf unsere Ernährung: Alle zwei Tage gibt es ein Smoothie für 2 Personen mit Äpfeln, Birnen, Bananen oder Beeren...  Gemüse ist immer als Beilage beim Essen dabei. Und wenn es sich zeitlich ausgeht, mache ich gerne chinesische Fleischtaschen für uns. Das kann ich von meiner Mutter – sie hatte vor ihrer Pensionierung ein chinesisches Restaurant. Aber manchmal schere ich aus, aber bewusst: Dann gehe ich zum Wirten für ein Schnitzel, weil mir danach ist. Gesundes Essen heißt für mich, sich nicht zu kasteien: das eine oder andere Stück Süßes muss schon sein. Und für einen Apfelstrudel habe ich das perfekte Rezept gefunden, wo selbst mein Schwiegervater sagt, es erinnert ihn an den Strudel seiner Oma.

Gibt es etwas, dass Sie anderen Betroffenen mitteilen wollen?

So ausweglos einem die momentane Situation vorkommt, man darf nie die Hoffnung aufgeben!

Nie den Humor verlieren!  Und es gilt: Den Moment genießen!

Außerdem, ein Tipp: Man sollte immer etwas haben wo einem das Herz aufgeht. Bei mir sind es z.B. Hundefotos. Ja, ich liebe Hunde über alles, kann aber berufsbedingt selbst keinen haben. Ich frage aber Hundebesitzer auf der Straße, ob ich ihren Hund streicheln darf. Jeder größere Hund, dem ich auf der Straße begegne, bringt mich zum Lächeln. Es hat doch jeder so etwas im Leben, das einen zum Lächeln bringt!

Es sind also Kleinigkeiten, die das Leben schönmachen: Klingt wie ein Klischee, ist aber so. Der Moment am Morgen, wo man frischen Kaffee runterlässt. Der Regen, der an das Fenster prasselt und man zu Hause bei einer Tasse heißem Tee sitzt. Oder die Sonne, die auf den Regen folgt.

Gespräch mit E. Estermann, im Herbst 2021

 

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